Juni 2017

Warum profitiert die Linke nicht?

In den vergangenen Jahren hat der Kapitalismus zu starken sozialen Verwerfungen in den Industrieländern geführt. Die Mittelschicht ist auf dem absteigenden Ast und immer mehr Menschen haben Zweifel, ob sie ihren aktuellen Lebensstandard auch in Zukunft aufrechterhalten können. Von diesem Abstieg und den Zweifeln profitieren aber bei Wahlen meist nicht linke Parteien – Ausnahmen waren Griechenland und das Vereinigte Königreich. Rechtsradikale und -extreme Parteien können hingegen Erfolg um Erfolg für sich verbuchen. Worauf beruht dieses auf den ersten Blick paradoxe Geschehen?


Corbyn trifft das Establishment ins Herz

Wie die meisten deutschen Medien ist auch Spiegel Online nicht mit dem Wahlausgang im Vereinigten Königreich zufrieden. Jörg Schindler meint dazu: „Wie Bernie Sanders in den USA oder zuletzt Jean-Luc Mélenchon in Frankreich hat [Jeremy Corbyn] dem Marktradikalismus die Utopie von einer solidarischen Gesellschaft entgegengesetzt. Man kann das nostalgische Fantasterei nennen. Oder Populismus.“ Ein (vermutlich) hochbezahlter Spiegel-Journalist erkennt zwar an, dass wir im Zeitalter des Marktradikalismus leben, diskreditiert jedoch den durchaus nachvollziehbaren Wunsch nach einer gerechteren Gesellschaft als Fantasterei oder Populismus. Seiner Meinung nach sollen sich also alle Bürger, die nicht von diesem enthemmten Kapitalismus profitieren, in das ihnen zugedachte Schicksal fügen. Da bedeutet der Erfolg von Corbyn mehr als einen Hoffnungsschimmer – zeigt er doch deutlich, dass man auch gegen die geballte Macht der Medien erfolgreich eine Wahl bestreiten kann. Da können Qualitätsjournalisten wie Schindler noch so geifern – die Zeit ihrer Meinungshoheit läuft langsam, aber sicher, ab. Nur Deutschland scheint diesem Trend wieder einmal hinterherzuhinken, wenn man die aktuellen Beliebtheitswerte der Kanzlerin betrachtet.


Eigennutz vor Allgemeinwohl

„Lügenpresse, Lügenpresse“, so schallt es von ganz rechts in Richtung der Medien. Doch den Verlagen kommt diese Verunglimpfung durchaus gelegen, kann so die Kritik als das Werk von Rechtspopulisten und Rechtsextremen abgekanzelt werden. Es wird so überdeckt, dass in der deutschen Presse vieles falsch läuft beim Versuch, dem eigenen Anspruch von der Vierten Gewalt gerecht zu werden. So zum Beispiel, dass die Digitalisierung nur als Vorwand genutzt wurde, um Stellen abzubauen und Druck gegenüber den Mitarbeitern aufzubauen.