An der Uni lehrt die Oberschicht

Uni-Professoren stammen mehrheitlich aus der Ober- und der oberen Mittelschicht. Zwar konnten nach dem Ausbau der Hochschulen in den 1970er-Jahren mehr Arbeiterkinder studieren, doch einen Lehrstuhl zu erreichen, wurde für sie noch schwieriger.

Nur jeder neunte Universitätsprofessor hat einen Arbeiter, kleinen Angestellten oder einfachen Beamten als Vater. Mehr als ein Drittel ist dagegen in einem Haushalt leitender Angestellter, Beamter oder Freiberufler mit gutem Einkommen aufgewachsen. Dies zeigt eine Untersuchung der Sozialforscherin Christina Möller von der Universität Paderborn. Möller hat mit Förderung der Hans-Böckler-Stiftung rund 1.300 Uni-Professoren in Nordrhein-Westfalen zu ihrem sozialen Hintergrund befragt – und die Ergebnisse zu Erwerbstätigen- und Studierendenstatistiken in Beziehung gesetzt. Denn erst so wird deutlich, wie wenig die akademische Elite die soziale Schichtung des Landes repräsentiert.

Von den 1950er- bis Mitte der 1980er-Jahre, schreibt Möller, also „in der Zeit, als die heutigen Professorinnen und Professoren im Kindheits- und Jugendalter waren“, hatte die Hälfte der männlichen Erwerbstätigen den Status von Arbeitern. Die leitenden Angestellten, höheren Beamten, akademischen Freiberufler und größeren Unternehmer – deren Kinder viel häufiger Professoren wurden – stellten nur wenige Hundertstel der Berufstätigen.

Dass sich die soziale Öffnung der Universitäten auf Studierende beschränkte, während die Zusammensetzung des Lehrkörpers unverändert blieb, machen andere Zahlen deutlich. Einen nach der Klassifikation von Bildungsstatistiken niedrigen sozialen Status hatten 1963 etwa 10 Prozent der Studenten, 1976 aber immerhin 18 Prozent. Dies schlug sich in der Folgezeit jedoch nicht in der Besetzung von Lehrstühlen nieder: In den 1980er-Jahren berufene Professuren stammten zu 12 Prozent aus der unteren Schicht, in den 1990er berufene ebenfalls zu 12 Prozent – und im nächsten Jahrzehnt sank der Anteil sogar auf 10 Prozent.

Der letzte Wert findet eine Entsprechung am oberen Ende: Aus der höchsten sozialen Schicht kamen statt 30 Prozent im Jahrzehnt zuvor in den 2000er-Jahren 38 Prozent der neuen Professoren. Die Berufungen seien „wieder deutlich häufiger zugunsten der höchsten Herkunftsgruppe entschieden worden“, konstatiert Möller.

Die Forscherin hat außerdem ermittelt, welche Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und Fachgebiet sowie Art der Professur bestehen. Ingenieure, Natur- und Geisteswissenschaftler kommen demnach etwas häufiger aus Elternhäusern mit niedrigem oder mittlerem Sozialstatus als andere. Professoren für Jura oder Medizin rekrutieren sich dagegen zu 80 beziehungsweise 72 Prozent aus den beiden höchsten Gruppen. Möller spricht hier von einem „beharrlichen sozialen Exklusionsmuster“. Insgesamt wiesen „jene Disziplinen, die eine größere Nähe zu gesellschaftlicher Macht haben, eine höhere soziale Selektivität auf“.

Dieses hierarchische Muster ist auch bei einer Abgrenzung nach formalen Kriterien zu beobachten. Außerplanmäßige – „im Vergleich zu ,ordentlichen‘ Professuren ungleich niederen Ranges“ – erwiesen sich als sozial durchlässigste Kategorie. Hier stammen 17 Prozent aus der niedrigsten und 24 Prozent aus der der höchsten Herkunftsgruppe. Eine Beobachtung passt allerdings nicht in dieses Schema: Ausgerechnet die Juniorprofessur erweist sich nach Möllers Erhebung als sozial besonders exklusiv. Sie scheint, so die Wissenschaftlerin, „für Personen privilegierter sozialer Herkunft leichter erreichbar zu sein, da diese nicht nur insgesamt häufiger, sondern auch schneller Karrierepositionen erreichen als Personen unterer Gesellschaftsschichten“.

Dieser Befund ist Möller zufolge besonders problematisch, weil die Juniorprofessur den langwierigen Weg über die Habilitation in Zukunft ersetzen soll. Dann ist aber „langfristig von einer noch verschärften sozialen Schließung der Universitätsprofessur auszugehen“.

Quellen:
Böckler Impuls Ausgabe 12/2014
Christina Möller: Wie offen ist die Universitätsprofessur für soziale Aufsteigerinnen und Aufsteiger? (pdf), in: Soziale Welt 4/2013

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