Auf dem Rücken der Ärmsten

Jetzt ist es amtlich: Selbst die Weltbank, bisher nicht gerade als Wohltätigkeitsorganisation in die Geschichte eingegangen, geht davon aus, dass die Folgen des Klimawandels unumkehrbar sind. Auch wenn der Ausstoß klimaschädlicher Gase extrem reduziert würde, drohen in Zukunft zahlreiche Wetterextreme. Besonders davon betroffen sein werden wie meist die Ärmsten der Welt. In Südamerika, Asien und Afrika werden wohl gleich mehrere Folgen der Erderwärmung zusammentreffen. Erschwerend kommt hinzu, dass diesen Gebieten, etwa im Gegensatz zu Europa und Nordamerika, die finanziellen Mittel fehlen, um angemessen auf die Veränderungen zu reagieren.

Damit setzt sich die jahrhundertelange Ausbeutung und Unterdrückung der ärmeren Länder dieser Erde fort. Der Wohlstand des Westens und seiner Nachfolger in aller Welt basiert zu einem großen Teil auf der Übervorteilung derjenigen, die am wenigsten besitzen. Und diese äußert sich in ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Da wäre etwa die Bedrohung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern, von der Hunderte Millionen Menschen abhängig sind. Durch Subventionen zu einem äußerst niedrigen Preis in den Markt gedrückte Lebensmittel aus Europa und den USA sorgen dafür, dass die Bauern in den Entwicklungsländern nicht mehr zu wettbewerbsfähigen Preisen produzieren können und schließlich aufgeben. Die immer weiter wachsenden Slums in den dortigen Großstädten sind eine Folge davon.

Woher das Coltan für elektronische Geräte stammt, ist meist ebenfalls ziemlich egal. Dass mit den Erlösen aus dessen Verkauf oftmals Bürgerkriege am Laufen gehalten werden und Menschen zu Sklavenarbeit gezwungen werden, ist nebensächlich – wenn nicht sogar von Vorteil, weil man dann auch noch Waffen an beide Seiten eines blutigen Konfliktes liefern kann. Dass es auch ganz offiziell zur Kooperation von westlichen Staaten mit Diktatoren kommt, versteht sich von selbst. Ob zentralasiatische Dikatatorenpräsidenten oder nahöstliche Monarchen, wenn man Geld damit verdienen kann, werden Menschenrechte gerne mal hinten angestellt.

Aber nicht genug damit, dass die Menschen in den Entwicklungsländern ausgebeutet werden. Man preist sich in den Industriestaaten auch noch für seine Wohltätigkeit. So werden immer wieder mal Schulden eigentlich insolventer Länder teilweise oder ganz erlassen. Was zunächst als ehrenwerte Handlung dargestellt wird, dient in der Regel lediglich dazu, einen kompletten Zahlungsausfall zu vermeiden und eine neue Schuldenrunde mit sicheren Zinszahlungen einzuleiten. Die Ebola-Epidemie in Afrika zeigt zudem, dass Unternehmen nur dann tätig werden, wenn ein akzeptabler Gewinn lockt. Nachdem das Virus auf dem failed continent seit Jahrzehnten immer wieder Menschenleben fordert, wäre wohl bei einem Auftreten in Europa oder den USA bereits ein Impfstoff vorhanden. Aber nachdem „nur“ Afrikaner davon betroffen sind, die sich die teuren Medikamente sowieso nicht leisten könnten, wird auf diesem Feld nahezu nicht geforscht.

Man könnte an dieser Stelle einwenden: Alles furchtbar schlimm, aber die Welt ist nun mal ungerecht. Was kann da ein Einzelner schon tun? Mit dieser Frage beginnt jedoch bereits die Verantwortung genau dieses Einzelnen für die unhaltbaren Zustände in den Entwicklungsländern. Ein durchschnittlicher Bürger kann in der Tat wenig tun. Aber wenn die Mehrheit der Menschen in den Industrieländern, die Mehrheit der Menschen in Deutschland sich auf diesen Standpunkt zurückzieht und im nächsten Moment das tolle Bild des neuen 4K-Bildschirms genießt, macht es sich der durchschnittliche Bürger zu einfach. Denn auch in einer repräsentativen Demokratie, wie wir sie etwa hier bei uns haben, geht alle Macht immer noch vom Volke aus. Wer jedoch Parteien wählt, welche den vorliegenden Zustand nicht ändern möchten, trägt zumindest eine Mitschuld an verhungernden Kindern in Somalia, an Sklavenarbeit im Kongo, an von Textilfabriken erschlagenen Näherinnen in Bangladesch und möglicherweise sogar an Überschwemmungsopfern in Pakistan. Wer bewusst oder auch unbewusst die Vorteile aus der Ausbeutung der Menschen in den Entwicklungsländern nutzt, trägt genauso Verantwortung wie ein skrupelloser Manager oder korrupter Politiker. Zwar nicht im gleichen Maße, aber dennoch nicht zu verleugnend.

Die Entscheidung in der Wahlkabine mag auf den ersten Blick nur die Wahl zwischen Pest und Cholera lassen. Doch auf den zweiten Blick erkennt man, dass es nach wie vor Parteien gibt, die sich das Streben nach einer besseren Welt nicht nur auf die sich im Wind der Wählergunst drehenden Fahnen geschrieben haben. Vier der derzeit im Parlament sitzenden Parteien gehören sicher nicht zu diesen. Der Wähler sollte sich bewusst sein, dass er nach wie vor große Macht mit seiner Stimme ausüben kann. Wenn er allerdings immer nur im Wechsel Partei A oder B abstraft, wird sich nie etwas ändern. Erst durch die Wahl von Parteien jenseits der schwarz-rot-grün-blau-gelben „Einheitspartei“ könnte zumindest die Chance auf einen Wandel im politischen und wirtschaftlichen Handeln einsetzen. Denn um diesen Wandel dann noch aufhalten zu können, müssten die Profiteure des derzeitigen Zustands zu drastischeren Mitteln als Medienbeeinflussung greifen. Änderungen am Wahlrecht oder an der Entscheidungsfindung im Bundestag würden offenlegen, dass wir schon lange in einer Postdemokratie leben. Dies würde dann unverhüllt zu Tage treten und alle Bürger könnten sehen: Der Kaiser ist nackt.

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