Der wert(e)lose Westen

Noch halten die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) die syrisch-türkische Grenzstadt Kobane. Doch die Kämpfer des „Islamischen Staates“ (IS) dringen immer weiter in die Stadt vor und lassen sich dabei auch von den vereinzelten Angriffen der US-Luftwaffe nicht entscheidend aufhalten. Militärexperten sind überzeugt, dass ohne eine militärische Unterstützung auch am Boden der Fall Kobanes nicht mehr aufzuhalten ist. Das Gerede von einer „humanitären Verpflichtung“, die Gräueltaten des IS zu stoppen, kann dann getrost vergessen werden.

Medienwirksam aufbereitete Hinrichtungen, Vergewaltigungen und Massenmorde zeichnen den Vormarsch des IS aus. Doch woher hat diese Gruppierung überhaupt die Mittel, um diesen zu bewerkstelligen? Zum einen finanziert sich der IS durch den Verkauf von Erdöl – das wohl seinen Weg über die Türkei nimmt. Außerdem dürfte inzwischen trotz immer wieder verlautender Dementis klar sein, dass auch Golfstaaten wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar die neue islamistische Macht unterstützen. Inwiefern die Türkei den IS als Feind Assads unterstützt hat, darüber herrscht noch Unklarheit. Dass die Grenzen zu Syrien nur in eine Richtung offen sind, ist wohl unstrittig.

Aus diesem Grund wird der Verteidigungskampf der YPG wohl auch am Ende vergebens sein. Denn ohne Nachschub an Munition, Wasser und Nahrung kämpfen die Kurden auf verlorenem Posten. Für den Westen hätte der Fall Kobanes keine größeren Auswirkungen. Einen Angriff auf die Türkei wagt der IS wohl kaum, gegen den hochgerüsteten NATO-Staat wäre eine militärische Niederlage programmiert. Zudem würde sich die Lage in Syrien zugunsten des Westens drehen, steht der IS Assad feindlich gegenüber, während die Kurden bisher immer eine eher neutrale Position einnahmen.

Die Finanzierung des IS ist weitgehend geklärt, aber woher kommen die Waffen, die mit diesem Geld gekauft werden? Wie es scheint aus verschiedenen Quellen. Waffenschieber konnten sich in den vergangenen Jahrzehnten schon immer eine goldene Nase verdienen. Spätestens seit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes ist es noch einfacher geworden, modernes Kriegsgerät günstig zu erwerben und dorthin zu verbringen, wo es keinen Rost ansetzt. Außerdem konnte der IS zahlreiche Waffen erbeuten, die von den USA an die irakischen Streitkräfte geliefert wurden. Ein Schuft, wer dabei unterstellt, die übereilte Flucht der Truppen des Iraks wäre eine gezielte Finte gewesen, um den Kampf des Westens gegen Assad über den Umweg IS zu führen. Dass die irakische Luftwaffe dann auch noch versehentlich Nachschub über IS-Gebiet abwirft – ein Zufall, selbstverständlich.

Zwar haben sich die USA inzwischen nach massiven Protesten dazu durchgerungen, einzelne Angriffe aus der Luft gegen den IS in Kobane zu fliegen. Doch in den letzten Wochen verging wertvolle Zeit, in der diese Luftangriffe sinnvoller gewesen wären. In einem Häuserkampf ist Luftunterstützung weit weniger hilfreich als auf offenem Feld – und das wäre in Nordsyrien reichlich vorhanden gewesen.

Das Eingreifen der USA und ihrer Partner gegen den „Islamischen Staat“ wurde mit humanitären Gründen gerechtfertigt. Man könne dem Abschlachten im Nordirak nicht tatenlos zusehen. Dem Abschlachten in Syrien kann der Westen wohl nahezu tatenlos zusehen. Sind ja auch nur die bösen Kurden, die vom IS massakriert werden. Und wer möchte in den USA schon den wichtigen Bündnispartner Türkei verärgern, der seit Jahrzehnten die Kurden im eigenen Land unterdrückt und gerne die syrischen Kurden vor seiner Haustüre weggeräumt hätte. Woran der IS derzeit arbeitet.

Sollte Kobane fallen, hat der Westen einen weiteren Beleg dafür geliefert, dass das Argument Humanität lediglich dazu dient, die eigenen Interessen, vor allem ökonomischer Natur, durchzusetzen. Wenn es opportun erscheint, militärisch einzugreifen, wird die Menschenrechtskarte gezogen, auch wenn es im Grunde nur um Rohstoffe und Macht geht, also im Endeffekt um schnödes Geld. Die so hoch geschätzten Werte des Westens sind nur Fassade für zügellose Gier. Wer jetzt denkt, dass geht uns in Deutschland doch nichts an, Kobane liegt weit weg, dem sei gesagt: Wem die Kurden in Syrien egal sind, der geht auch bei uns irgendwann über Leichen – gute Gründe gibt es immer. Waren dann halt alles Terroristen.

Kommentar hinterlassen zu "Der wert(e)lose Westen"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*