Deutschland lebt unter seinen Verhältnissen (Teil 2)

Gestern stellten wir im ersten Teil dieses Artikels die Studie „Nur das Angebot zählt?“ der Autoren Alexander Herzog-Stein, Fabian Lindner und Rudolf Zwirner für das Institut für Makroökonomie und Marktforschung vor. Darin belegten diese, dass die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik Deutschlands zu einem Nachfragerückgang führte. Im Wirtschaftszyklus zwischen dem ersten Quartal 1999 und dem zweiten Quartal 2005 stellten die Experten eine besonders lange Stagnationsphase fest, welche sie vor allem auf den Rückgang im privaten Wohnungsbau zurückführten. Ihrer Meinung nach hätte dieser Abschwung verkürzt und damit die Arbeitslosigkeit auf einem niedrigeren Stand gehalten werden können. Im heutigen zweiten Teil zeigen wir zum einen den internationalen Vergleich von Wachstum und Beschäftigung und zum anderen drei Szenarien, in denen verdeutlicht wird, welche Auswirkungen in den Augen der Autoren der Studie eine alternative Nachfragepolitik gehabt hätte.

Obwohl Politik und Medien seit Jahren die Aussage vertreten, Deutschland ginge es gut, zeigt die objektive Betrachtung ein anderes Bild. So verweisen Herzog-Stein, Lindner und Zwiener darauf, dass das deutsche Wirtschaftswachstum über einen Zeitraum von zehn Jahren eines der niedrigsten im Euroraum gewesen sei (Abbildung 1). Auch die Arbeitnehmerentgelte entwickelten sich im Vergleich zu den anderen Euroraum-Ländern schwach. Und selbst das deutsche „Jobwunder“ verblasst, wenn man die Entwicklung seit 2000 gegenüberstellt.

 

„Anhand dieser Zahlen lässt sich der vermeintliche Erfolg der Angebotspolitik nicht belegen, eher ihr Misserfolg. Vergleichsweise besser wurde es erst mit der aktiven Nachfragepolitik zur Krisenbewältigung in den Jahren 2008/2009 und der etwas besseren Lohnentwicklung in den vergangenen Jahren. Nur so konnte sich die große Lücke bei Wachstum, Löhnen und Beschäftigung zum restlichen Europa teilweise schließen. Als Folge der deutschen Angebotspolitik bauten sich im vergangenen Jahrzehnt gewaltige außenwirtschaftliche Ungleichgewichte auf. Aus einem geringfügigen Leistungsbilanzdefizit im Jahr 1999 – damals war der Außenbeitrag von Waren und Diensten bereits wieder positiv – entstanden so Leistungsbilanzüberschüsse von 5 bis 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.“

Dies führte jedoch laut der Studie nicht zu einem entsprechenden Wohlstandsgewinn. Ein nennenswerter Teil dieser Leistungsbilanzüberschüsse sei infolge von Währungsänderungen und Wertberichtigungen wieder verloren gegangen.

„Insgesamt verfügte die deutsche Volkswirtschaft zum Jahresende 2012 über ein Nettogeldvermögen im Ausland, das infolge von Abschreibungen und Kursverlusten sowohl im Rahmen der weltweiten Krise 2008/2009 als auch in der Eurokrise um 409 Milliarden Euro unter dem Niveau lag, das die kumulierten Leistungsbilanzüberschüsse der Jahre 2000 bis 2012 hätten erwarten lassen. Das entspricht einem Verlust von gut 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von 2012 und 30 Prozent der gesamten Überschüsse in diesem Zeitraum. Faktisch hat Deutschland in großem Umfang Leistungen an das Ausland verschenkt. Und es könnten sich in Zukunft noch weitere Wertberichtigungen aufgrund der Krise des Euroraums ergeben.“

Um zu zeigen, dass eine nachfrageorientierte Politik für Deutschland wirtschaftliche Vorteile gebracht hätte, wurden drei Simulationsstudien mit Hilfe des IMK-Modells durchgeführt. In Szenario 1 wurde angenommen, dass das Ausland nur so viele Waren und Dienstleistungen importiert wie Deutschland exportiert – welche Auswirkungen als eine ausgeglichene Handelsbilanz gehabt hätte. Höhere Effektivlöhne wurden in Szenario 2 angenommen – es wurde die stabilisierende Wirkung der Löhne als Nachfragekomponente beleuchtet. Zusätzlich zur höheren Lohnentwicklung wurde in Szenario 3 auf die Steuer- und Beitragssenkungen der Jahre 2001 bis 2005 verzichtet und ein höherer Staatskonsum angenommen.

Im ersten Szenario wird der Nachfrageausfall durch die Angebotspolitik nicht durch das Ausland kompensiert. Die Simulation hierfür ergibt, dass in Deutschland über 5 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen wären. Zudem hätte es kein Wirtschaftswachstum gegeben. Dies zeigt, in welchem Ausmaß Deutschland von der globalen wirtschaftlichen Entwicklung und der Verschuldung der heutigen Krisenländer profitiert hat.

„Umgekehrt macht es aber auch deutlich, dass eine reine Angebotspolitik ohne außenwirtschaftliche Impulse kaum aufgehen kann. Das ist im Moment die Situation der Krisenländer. Da besonders im Euroraum fast alle Länder eine forcierte Angebotspolitik zur Kostensenkung und zur Exportsteigerung betreiben, kann keine ausreichende Exportdynamik entstehen. Der negative Effekt der Angebotspolitik auf die Binnenwirtschaft ist stärker als die Effekte einer gesteigerten preislichen Wettbewerbsfähigkeit.“

Eine stabilisierende Lohnpolitik wurde in Szenario 2 simuliert. Hintergrund dieses Szenarios ist die Tatsache, dass die deutsche Lohnentwicklung im Vergleich zu anderen europäischen Ländern im vergangenen Jahrzehnt extrem schwach verlief. Der nominale Lohnzuwachs (Arbeitnehmerentgelt) habe zwischen Anfang 2000 und Anfang 2012 gerade mal 17,5 Prozent pro Beschäftigten betragen, also 1,4 Prozent pro Jahr. Im Durchschnitt der Mitgliedsländer des Euroraums seien es dagegen 31 Prozent gewesen, 2,3 Prozent pro Jahr.

„Maßstab für eine alternative Lohnsetzung bildet das Konzept einer makroökonomisch orientierten Lohnpolitik. Demnach sollten die gesamtwirtschaftlichen Lohnsteigerungen generell den Verteilungsspielraum aus Trendproduktivitätsfortschritt und Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank (EZB) ausschöpfen. Bei einem mittelfristigen Produktivitätsanstieg bis zur Krise von 2008/2009 von jährlich gut 1 Prozent pro Beschäftigten und der Zielinflationsrate der EZB von knapp 2 Prozent sollten die gesamtwirtschaftlichen Lohnsteigerungen bei rund 3 Prozent liegen. … Wären die nominalen Bruttolöhne (pro Kopf) in Deutschland entsprechend einer solchen makroökonomisch orientierten Lohnpolitik seit Beginn der EWU um knapp 3 Prozent pro Jahr gestiegen, dann wäre das Lohnniveau pro Kopf bis 2011 um rund 19 Prozent höher ausgefallen. Die dadurch induzierten Preissteigerungen – das Preisniveau hätte nach 13 Jahren um dreieinhalb Prozent höher gelegen als im Basisszenario – hätten zwar einen Teil der Nominallohnsteigerungen real nicht wirksam werden lassen. Dennoch hätten die Reallöhne nun um jährlich fast eineinhalb Prozent zugelegt, erheblich mehr als der tatsächliche Anstieg von gerade einmal einem halben Prozentpunkt pro Jahr.“

In der Folge wäre durch die höheren Löhne beim privaten Verbrauch ein Plus von fast 7 Prozent entstanden – reales Wirtschaftswachstum und Beschäftigung lägen um 1,2 Prozent höher. Zurückgegangen wären die Exporte, jedoch nicht so stark wie vielleicht anzunehmen wäre – die Steigerung der realen Exporte fiele um knapp 6 Prozent niedriger aus.

„Besonders augenfällig sind die Verteilungseffekte der höheren Löhne. Die Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit und die öffentlichen Transfers liegen um 19 beziehungsweise 16 Prozent über ihrem Niveau im Basisszenario, während die Bruttogewinne um 21 Prozent niedriger sind. Diese hätten allerdings im Szenario 2 bei einem hohen Ausgangsniveau immer noch um rund 10 Prozent gegenüber 1999 zugelegt. Die Lohnquote ginge nun nicht mehr zurück, sondern würde leicht ansteigen.
Insgesamt hätten die höheren Löhne weder der Beschäftigung noch dem Wirtschaftswachstum geschadet, wie oft von neoklassisch denkenden Ökonomen behauptet wird. Deutschland hätte sogar von der makroökonomisch orientierten Lohnpolitik profitiert. Die Exporte hätten zwar weniger stark zugenommen, aber die deutsche Volkswirtschaft wäre einem wesentlich ausgewogeneren Wachstumspfad gefolgt: Die stärkere Binnendynamik hätte die schwächere ausländische Nachfrage kompensiert, und Wachstum und Beschäftigung wären bei einer solchen Lohnpolitik leicht höher ausgefallen. Deutschlands Einkommensverteilung wäre nicht so ungleich geworden, wie sie es heute ist, und der Leistungsbilanzüberschuss wäre deutlich geringer ausgefallen.“

Abbildung 2

Abbildung 2

Im dritten Szenario wurde zusätzlich zu der makroökonomisch orientierten Lohnpolitik auf die Steuer- und Beitragssenkungen der 2001 bis 2005 verzichtet. Zusätzlich wurde die Staatsquote auf dem Niveau von 1999 belassen.

„Verglichen mit der tatsächlichen Angebotspolitik fällt das Wirtschaftswachstum bei diesem stetigen öffentlichen Ausgabenwachstum deutlich höher aus – um zusätzlich 6 Prozentpunkte bis zum Ende des Simulationszeitraums -, ohne dass sich das öffentliche Defizit erhöht. Angesichts der höheren realen und nominalen Wirtschaftswachstums fällt die Staatsschuldenquote nun deutlich niedriger aus, und zwar um über 10 Prozent. Der Beschäftigungsgewinn beträgt nach 13 Jahren rund eineinhalb Millionen Personen und der hohe Außenbeitrag halbiert sich. Es war naiv zu glauben, dass mit der Kombination von Steuersenkungen und Ausgabenkürzungen Wachstumsgewinne hätten erzielt werden können (Abbildung 2).“

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