Die Propaganda von der Putin-Propaganda

Ausschnitt aus TVMovie Ausgabe 20/2016

Ausschnitt aus TVMovie Ausgabe 20/2016

Spiegel, SZ, FAZ, ARD und ZDF, RTL und Zeit – Putin ist dort meist die Inkarnation des Bösen. Doch die Mär vom machthungrigen und unberechenbaren Schrecken aus dem Osten wird nicht nur in den üblichen Medien verbreitet. Die Ausführungen finden sich auch in Publikationen, die auf den ersten Blick eher zur Planung seichter Unterhaltung dienen. Am Beispiel des Beitrags „Die Lügenfabriken des Wladimir Putin“ in der Fernsehzeitschrift TVMovie soll exemplarisch gezeigt werden, wie Leser manipuliert werden.

Aufhänger des Artikels ist der Mord an Boris Nemzow im vergangenen Jahr. Autor Marcus Duroldt greift dabei auf einen Artikel aus „Time“ zurück – und das ist wörtlich zu nehmen, denn die Einleitung wird fast wörtlich übernommen. Putin habe den Mord an Nemzow beauftragt, so klingt es unterschwellig mit, und er nutze „seine“ Medien dazu, dies zu vertuschen. Beweise dafür: keine. Mit seinem „gigantischen Manipulationsimperium“ betreibe Putin Propaganda gegen den Westen. Als ehemaliger KGB-Agent beherrsche er dieses Handwerk. Sämtliche Medien, wirklich alle, auch die privaten, seien im Putin-Umkreis konzentriert. Was auch immer der „Putin-Umkreis“ sein mag.

Nicht fehlen darf bei einem derart gründlich recherchierten Artikel der Hinweis auf die Internet-Trolle, die der russische Präsident auf das Web loslässt. Tausende davon sind damit beschäftigt, die Saat der Lügen in den Herzen der Menschen im Westen zu pflanzen. Gefälschte Informationen sorgten dafür, eine „scheinbare Übermacht von Putin-Getreuen in der Öffentlichkeit“ zu erzeugen. Unter Putin würde schamloser gelogen als unter den vorherigen Kreml-Führern.

Die Propaganda Putins ziele außerhalb Russlands darauf ab, Ängste zu verstärken und Gesellschaften zu destabilisieren. Der Empfänger der Nachrichten würde überfordert von diesem „Informationslärm“. Mit einer Nadelstichtaktik würden große Gegner wie die EU geschwächt. Aber wo liegen die Gründe dafür, dass die angeblichen Lügen von den Rezipienten nicht als solche erkannt werden. Könnte es vielleicht daran liegen, dass es in vielen Fällen gar keine Lügen sind, sondern Hinweise darauf, dass die westlichen Medien ihre Aufgabe nicht erledigen? Dass die westlichen Medien einseitig, lückenhaft und teilweise nachweislich falsch berichten?

Ungesicherte und sich widersprechende Informationen würden von den russischen Medien verbreitet. Wie passend, dass im TVMovie-Artikel eine zumindest fragwürdige Information enthalten ist. So soll der Sender RT bis vor Kurzem über ein Budget verfügt haben, das dem der britischen BBC glich. Doch die Zahlen sagen etwas anderes: Während RT einige hundert Millionen Dollar jährlich zur Verfügung hat, sind es bei der BBC mehrere Milliarden Dollar. Vermutlich nutzte der Autor die Daten der BBC World Service Group. Eine Verwechslung? Möglich. Aber auch denkbar, dass es sich um eine bewusste Manipulation handelt.

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