Gespaltener Staat

Russland ist ein großes Land. Nach eigener Einschätzung seit dem 18. März ein sogar um 26.944 Quadratkilometer größeres Land. Während die westlichen Medien nicht müde werden, Putin nach der Herauslösung der Krim aus dem ukrainischen Staatsgebiet und der Aufnahme in Russland als machthungrigen Despoten darzustellen, lohnt es sich, einen objektiven Blick auf die Lage in der Ukraine zu werfen. Dabei fällt sofort ins Auge, dass die bewegte Vergangenheit des Landes bis in die heutige Zeit weiterwirkt und das Land stets einen Spielball der Großmächte in Zentraleuropa, besonders Österreich, und Russland darstellte.

Während der Osten und der Süden der Ukraine nach wie vor Richtung Russland ausgerichtet ist, was nicht zuletzt auf die wirtschaftliche Verflechtung zurückzuführen sein dürfte, orientierte sich der Westen des Landes stets mehr nach Europa. Nicht zuletzt deshalb, weil dieser Teil zu Polen gehörte. Doch wenn man genauer definieren möchte, wie die Ethnien in den jeweiligen Regionen verteilt sind, steht man bereits vor dem ersten Problem. Denn es gibt zum einen große Unterschiede bei der Frage nach der Ethnie und der Frage nach der bevorzugten Sprache. So gaben zwar bei einer Volkszählung im Jahr 2001 77,8 Prozent der Einwohner des Landes an, Ukrainer zu sein. Bei einer Umfrage der Ukrainian Society im Jahr 2011 sagten jedoch nur knapp 43 Prozent, zu Hause Ukrainisch zu sprechen. Der Anteil der Russischsprecher lag mit etwa 39 Prozent nur knapp dahinter – obwohl bei der Volkszählung 2001 sich nur 17,3 Prozent als Russen bezeichnet hatten.

Ein ähnliches Bild zeichnet sich ab, wenn man auf die einzelnen Regionen fokussiert. Nach den Daten der Volkszählung von 2001 lebte lediglich auf der Krim eine russische Mehrheit. Doch bei der Frage nach der bevorzugten Sprache zeigt sich, dass der Osten und Süden russischsprachig dominiert ist. Im Süden gaben 54 Prozent Russisch als Hauptsprache an, im Osten sogar 64 Prozent. Für den westlichen Teil des Landes könnte es auch noch einen weiteren Grund geben, nach Europa zu streben: Die Einkommen sind im Osten der Ukraine höher. Dort konzentriert sich die Stahlindustrie, die ihre Produkte vor allem nach Russland exportiert, während der westliche Landesteil stärker von der Landwirtschaft geprägt ist.

 

Die Ukraine ist ein sowohl ethnisch als auch wirtschaftlich gespaltenes Land. Um zu verhindern, dass diese Spaltung sich demnächst auch auf der Landkarte noch stärker manifestiert, ist eine Deeskalation der Lage geraten. Doch der Westen und Russland tun alles, um genau das Gegenteil zu erreichen. Von den USA und der EU immer wieder verdrängt wird, dass mit der Swoboda eine rechtsextreme Partei mit in der Übergangsregierung der Ukraine sitzt. Ein Abgeordneter der Swoboda kam jüngst zu trauriger Berühmtheit, als er den Chef der Nationalen Fernsehgesellschaft, Alexander Pantelejmonow, mit „handfesten“ Argumenten überzeugte, von seinem Amt zurückzutreten. Igor Miroschnitschenko, so der Name des Abgeordneten, sitzt ausgerechnet auch noch im Parlamentsausschuss für Pressefreiheit.

Sollte es nicht gelingen, den Teufelskreis aus immer weiteren und stärkeren Sanktionen und Strafen zu verlassen, könnte aus dem neuen „Kalten Krieg“ schnell ein heißer Krieg werden, den niemand wollen kann. Doch eine Hoffnung besteht: Nachdem die Politik ihr Handeln größtenteils nach den Wünschen der Wirtschaft ausrichtet, könnte der drohende wirtschaftliche Schaden im Westen durch eine Eskalation in der Ukraine eben diese verhindern.

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