Erpressung funktioniert doch immer

Sie haben sich also doch nicht getraut. Nachdem es für kurze Zeit so ausgesehen hatte, dass die Schotten den großen Schritt wagen und sich von Großbritannien lösen, haben sich beim gestrigen Referendum nun doch 55 Prozent gegen eine Abspaltung ausgesprochen. Die Drohkulisse, die von allen Seiten aufgebaut wurde, hat ihre Aufgabe also erfüllt.

Ein Trommelfeuer an Schreckensszenarien wurde auf die Schotten abgefeuert: Von Medien, aus der Politik, von der Wirtschaft und Prominenten. Allen ging es darum zu verdeutlichen, dass ein Austritt aus Großbritannien furchtbare Folgen haben würde. So stünde Schottland ohne eigene Währung und Zentralbank da. Die Sicherheit könne nicht mehr gewährleistet werden, da das kleine Schottland dafür nicht genügend Mittel aufbringen könnte (sollte man vielleicht einmal Dänemark und Finnland sagen, die auch etwa 5 Millionen Einwohner haben). Wie würde Schottland in Beziehung zur EU stehen? Wäre das Land automatisch Mitglied gewesen oder hätte es sich erst neu bewerben müssen? Mit unsicherem Ausgang, da Spanien, Frankreich und Italien wenig Interesse an einem Präzedenzfall hätten.

Überragt wurden diese Punkte jedoch noch von einem viel größeren möglichen wirtschaftlichen Schock: Den Verlust von Arbeitsplätzen. Die Finanzindustrie wäre bei einem „Ja“ zur Unabhängigkeit nach London abgewandert – und mit ihr Zehntausende Arbeitsplätze. Denn obwohl Schottland das Image anhaftet, außer Nordsee-Öl, Schafen und Whisky wirtschaftlich nicht viel bieten zu können, ist in Edinburgh in den letzten Jahrzehnten ein großes Finanzzentrum entstanden. Kein Wunder also, dass hier auch die Mehrheit der Einwohner gegen eine Abspaltung von Großbritannien votiert hat. 

Mit dem „Nein“ der Schotten ist der Fortbestand Großbritanniens in seiner derzeitigen Form zunächst einmal sichergestellt. Fraglich bleibt, welche der Zugeständnisse der britischen Regierung, die aus Angst vor einem Sieg der Unabhängigkeitsbefürworter gegenüber Schottland gemacht wurden, in den nächsten Monaten still und heimlich wieder kassiert werden. Aber nicht nur die Schotten sehnen sich nach mehr Unabhängigkeit: Besonders in Spanien drängt es Katalanen und Basken hin zu eigenständigen Ländern. Anders als Großbritannien hat die Zentralregierung in Madrid jedoch keine Lust darauf, die wirtschaftlich starken Regionen aus dem Staatengefüge zu entlassen. Am 9. November soll in Katalonien ein Referendum abgehalten werden, dass von Spanien strikt abgelehnt wird und verhindert werden soll. Erpressung funktioniert halt doch nicht immer, manchmal muss es eben auch Gewalt sein, um den Freiheitsdrang eines Volkes wirksam zu bremsen.

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