Feudale Verhältnisse in unserem Land

Im Jahr 1820 gab es wenige Reiche – und die große Bevölkerungsmehrheit musste von Glück sagen, wenn genug Essen auf dem Tisch stand. Hunger muss heutzutage in unserem Land so gut wie niemand mehr leiden, wenn er auch dazu die Hilfe der Tafeln in Anspruch nehmen muss. Aber an der Einkommensverteilung selbst hat sich in den vergangenen 200 Jahren nicht viel geändert. Oben das „1 Prozent“, unten die breite Masse. Auch die „Bildungsoffensive“ der vergangenen Jahrzehnte hat daran nur wenig ändern können, wie eine Untersuchung der OECD zeigt.


In der Studie „How was life?“ haben einige Historiker einen Blick auf die veränderten Lebensumstände zwischen 1820 und jetzt geworfen. Diese haben sich aufgrund des technischen Fortschritts selbstverständlich gewandelt. Längere Lebenserwartung, kürzere Arbeitszeiten und mehr Einkommen werden als Beispiele attestiert. Doch ein Detail der Untersuchung wirft ein erhellendes Licht auf die herrschende Einkommenssituation in Deutschland. So hat sich die Verteilung der Einkommen vor Steuern – als Gini-Koeffizient* berechnet – nicht verändert. Dieser Wert lag sowohl 1820 als auch im Jahr 2000, dem letzten verfügbaren Datum, bei 51. 

Damit zeigt sich, dass die Einkommen in Deutschland äußerst ungleich verteilt sind. Selbst im Kapitalismus-Musterland USA liegt der Gini-Koeffizient bei 44. Dass die Nettoeinkommen bei uns lediglich einen Koeffizienten von etwa 30 aufweisen, hängt mit der starken Umverteilung durch Steuern und Sozialabgaben zusammen. Dieser Umstand erklärt vielleicht auch, wieso viele Arbeitgeber und Vertreter der Kapitalseite auf immer weitere Sozialkürzungen drängen. Die Nivellierung der immensen sozialen Ungerechtigkeit in Deutschland durch das Eingreifen des Staates soll eingedämmt werden.

Ein Blick auf die Entwicklung in anderen Ländern zeigt noch etwas anderes: Sowohl in den eher marktliberaleren Ländern wie Großbritannien und USA als auch bei den als Sozialstaaten zu bezeichnenden Frankreich und Schweden ist die Ungleichheit bei den Einkommen zurückgegangen. Besonders dramatisch dabei die Entwicklung in Großbritannien. Für 1960 und 1970 weist der Gini-Koeffizient dort den niedrigsten Wert aller fünf hier untersuchten Länder auf (lediglich Schweden erreichte 1980 eine derart hohe Einkommensgleichheit). Doch im Laufe der Siebziger und Achtziger sprang dieser Wert bis 1990 auf 39 Prozent hoch.

Doch was Großbritannien schafft, kann Deutschland noch leicht übertreffen. Während 1980 noch ein Koeffizient von 38 zu verzeichnen war, stieg dieser innerhalb von 10 Jahren auf 49. Und dieser Wert nahm bis 2000 auf die bereits erwähnten 51 zu. Mit der Feststellung, dass sich die Einkommensverteilung vor dem Eingreifen des Staates in den beiden vergangenen Jahrhunderten nahezu nicht verändert hat, wird auch gleich das Märchen von der Bildungsdividende entzaubert.

Entscheidend ist nicht, über welche Qualifikation ein Erwerbstätiger verfügt, sondern welche Einkommen bezahlt werden. Und dass diese für den Großteil niedrig sind und lediglich für die kleine Minderheit an der sozialen Spitze üppig ausfallen, daran ändert auch kein Abiturzeugnis oder Diplom etwas. Wo früher ein guter Hauptschulabschluss reichte, muss ein Bewerber heutzutage mindestens Mittlere Reife, wenn nicht sogar Abitur vorweisen können. Der Verweis auf die Chancen durch Bildung soll lediglich die Verantwortung für das erreichte Einkommen auf den Erwerbstätigen abwälzen. Jeder habe die Möglichkeit, durch Engagement und Qualifikation nach oben zu kommen und ein hohes Gehalt zu erreichen. Doch wie so vieles ist auch das nur eine Mär.

Die hohe Ungleichheit bei den Einkommen zeigt auch, wie wichtig ein Mindestlohn wäre, der nicht – wie der von der Großen Koalition für nächstes Jahr beschlossene – zu niedrig ist. Dieser würde die Einkommen im unteren Bereich der Gehaltsskala anheben und damit für mehr Gerechtigkeit sorgen, bereits bevor der Staat durch Sozialtransfers eingreifen müsste – die er allerdings auch nach einem Absinken des Gini-Koeffizienten beibehalten sollte.

* Der Gini-Koeffizient (nach Corrado Gini) ist ein häufig verwendetes statistisches Maß, um Ungleichverteilungen darzustellen. Ein Wert von 0 würde bedeuten, dass eine absolut gleichmäßige Verteilung vorliegt und ein Wert von 1, dass nur eine Person das gesamte Einkommen bekommt.

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