Genügsamkeit oder Manipulation?

Bei der Wahlberichterstattung in der ARD am vergangenen Sonntag zur Europawahl wurde ein Umfrageergebnis zur persönlichen wirtschaftlichen Situation der Bundesbürger veröffentlicht. Laut dieser Umfrage empfanden nur 16 Prozent der Befragten ihre wirtschaftliche Situation als schlecht. Gestern gab das Statistische Bundesamt bekannt, dass ein Drittel der Bevölkerung (33,4 Prozent) unerwartet anfallende Ausgaben, etwa für größere Anschaffungen oder Reparaturen, nicht aus eigenen Finanzmitteln bestreiten kann. Wenn ich in finanzielle Schwierigkeiten gerate, wenn eine unerwartete Anschaffung oder Reparatur ansteht, würde ich meine persönliche wirtschaftliche Situation als schlecht einstufen.

Worin liegt also diese Diskrepanz begründet? Laut Umfrage empfinden nur 16 Prozent der Deutschen ihre persönliche wirtschaftliche Situation als schlecht, aber 33 Prozent können sich nicht einmal eine neue Waschmaschine leisten und müssten sich dafür verschulden. Sind die Deutschen wirklich so genügsam? Oder könnte doch ein anderer Verdacht eine bessere Erklärung für dieses Missverhältnis liefern? Es ist durchaus bekannt, dass Umfragen einerseits durch die Fragestellung manipuliert werden können. Andererseits kann man wohl davon ausgehen, dass Menschen in einem gesellschaftlichen Umfeld, dass Armut lediglich durch eigenes Verschulden erklärt, davor zurückschrecken, öffentlich zu erklären, sie befänden sich in einer schlechten wirtschaftlichen Lage.

Die Mitteilung des Statistischen Bundesamtes zeigt auch noch etwas anderes. Die wirtschaftliche Lage der Privathaushalte in der EU gestaltet sich noch dramatischer. Dort liegt der Anteil der Haushalte, die unerwartete Ausgaben nicht aus eigenen finanziellen Mitteln schultern könnten, bei 40,2 Prozent. Rechnet man den deutschen Anteil aus dem EU-Durchschnitt heraus, liegt der Wert sogar bei etwa 42 Prozent. Fast jeder Zweite in der EU steht vor einem finanziellen Problem, wenn etwa eine Reparatur beim Auto fällig wird. Die Lage in der EU scheint noch viel dramatischer zu sein als angenommen.

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