Gewinn oder Gewissen

Seit Jahrzehnten wurde vermutet, dass der Ausstoß von Treibhausgasen durch den Menschen einen erheblichen Einfluss auf das Klima besitzt. Spätestens seit dem letzten Bericht des Weltklimarates ist diese Vermutung zu einer Gewissheit geworden. Mit einer Wahrscheinlichkeit von über 95 Prozent ist der Mensch verantwortlich für den Anstieg der Temperatur auf der Erde. Doch bei der Weltklimakonferenz in Warschau wird wieder einmal deutlich, dass mächtige Interessenvertreter die notwendigen Schritte immer noch verhindern möchten. Die großen Umweltverbände haben aus diesem Grund zu einem außergewöhnlichen Mittel gegriffen: Noch vor Abschluss der Verhandlungen haben sie die Konferenz verlassen. Ein Zeichen, dass die Hilflosigkeit gegenüber der Macht des Kapitals demonstriert.

Den Stellenwert, den die Umweltverbände einnehmen, verdeutlicht bereits ihre Zuschauerrolle. Sie nehmen an der Konferenz nur als Beobachter teil. Greenpeace, Oxfam, WWF, Nabu, BUND, Friends of the Earth und andere boykottieren seit Mittag die Verhandlungen. Deren Kritik richtet sich vor allem gegen die Einflussnahme durch die großen fossilen Energiekonzerne auf die Konferenzteilnehmer aus der Politik. Dieser Einfluss würde zerrinnen, wenn die Energiewende schnell umgesetzt würde. Und mit dem Einfluss die Börsenkurse von E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW. Verständlich, dass die Aktionäre diesen Verlust nicht kampflos hinnehmen wollen.

Aber nicht nur die Verhandlungsführer aus Deutschland treten auf die Energiewendenbremse. Nahezu alle Industriestaaten zögern und zaudern, wenn es um Zugeständnisse in der Klimapolitik geht. So wird nach wie vor über eine angemessene Entschädigung der Entwicklungsländer für die Schäden aus dem Klimawandel gestritten. Doch das Zögern beschränkt sich nicht auf die Industriestaaten. Auch die großen Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien zögen sich nach Ansicht der Umweltverbände aus der Verantwortung.

Um die Weltöffentlichkeit auf den Stillstand bei den Verhandlungen hinzuweisen, griffen die Umweltschutzorganisationen nun zu diesem eindrucksvollen Schritt. Die Verantwortung für die weitere Entwicklung in der Klimapolitik liegt in den Händen der Politiker. Wenn sich diese nicht über die Vorgaben aus den Chefetagen der von fossiler Energie abhängigen Konzernen hinwegsetzen und den Weg freimachen für ein schnelles Umdenken, dürfte das knappe Zeitfenster für immer zufallen. Die Folgen für das Weltklima und die Lebensbedingungen werden zunächst nicht so dramatisch sein. Doch spätestens für das Jahr 2030 sehen Experten eine Zeitenwende eintreten. Ab diesem Punkt könnte das Klima nachhaltig kippen und zu Wetterextremen führen, denen viele Millionen Menschenleben zum Opfer fallen. Die Industriestaaten werden sich wohl durch ihre finanziellen und militärischen Möglichkeiten noch einige Zeit über Wasser halten können. Doch diesen Weg nach unten in eine grauenvolle Zukunft werden auch unsere Kinder und Enkel antreten müssen – dagegen helfen auch die Billionen Dollar Vermögen nichts mehr.

 

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