Im nassen Friedhof ist noch viel Platz

Jetzt schaffte es der Massentod im Mittelmeer doch noch an die Spitze der Meldungen in der Presse. Etwa 1.000 Tote sind es anscheinend doch wert, in den Mittelpunkt der Berichterstattung gerückt zu werden. Doch wie lange? Morgen tritt dann wieder ein anderer Trainer zurück und lockt die Medienmeute an. Wie immer nach dem Bekanntwerden eines Schiffsuntergangs im Mittelmeer läuft das gleiche Schema ab: Es werden Maßnahmen gefordert, um dem Sterben ein Ende zu bereiten. Dabei wird dann gerne auch einmal verschwiegen, dass man vor Kurzem alles unternommen hat, um die Überfahrt in das gelobte Land Europa noch unsicherer zu machen, indem man den Aktionsradius der Suchaktionen eingeschränkt hat.

Wenn sich die Wogen der Aufregung dann gelegt haben, kehrt erst einmal wieder Grabesruhe in der EU ein. Bis schließlich in ein paar Monaten der nächste Seelenverkäufer den Kampf gegen die See verliert und Dutzende oder gar Hunderte Verzweifelte mit in die Tiefe nimmt. Doch nur sehr selten werden die Hintergründe der Massenflucht und des Massensterbens beleuchtet. Warum machen sich so viele Menschen auf den mühsamen und vielleicht tödlichen Weg in den Norden?

Viele der Flüchtenden sind durch Bürgerkriege aus ihrer Heimat vertrieben worden und haben alles verloren. Andere treibt die nackte Angst vor dem Hungertod auf die gefahrvolle Reise. Von deutschen Politikern, besonders vom rechten Lager des Parteienspektrums, wird den Migranten unterstellt, sie suchten nur den finanziellen Vorteil. Wer würde so ein Risiko auf sich nehmen, nur um als Obstpflücker in Italien zu arbeiten – unter erbärmlichen Bedingungen?

Die Geister, die der entfesselte Kapitalismus des Westens rief, wird er nun nicht mehr los. Durch die rücksichtslose Ausbeutung der Dritten Welt und die zahlreichen Kriege und Bürgerkriege, die man selbst angezettelt hat, wurde die soziale Struktur in großen Teilen Afrikas und Asiens zerrüttet. In seinem Streben nach immer mehr Geld wurden die unschuldigen Opfer billigend in Kauf genommen.

Doch nicht nur die Reichen profitieren von diesem schändlichen Tun. Auch die breite Masse der Europäer erkauft sich ein luxuriöses Leben auf dem Rücken der Schwächsten dieser Erde. Lieber konsumiert man, als sich Gedanken über die Auswirkungen seines eigenen Handelns zu machen. Zudem machte sich jeder Wähler, der seine Stimme bei den vergangenen Wahlen einer der Systemparteien CDU, CSU, SPD, Grüne oder FDP gegeben hat, an diesem Leid mitschuldig. Auch Unwissenheit schützt in diesem Fall nicht davor, Verantwortung dafür zu tragen.

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