Japanische Krankheit vor der Tür

Die Angst vor der Wiederkehr des Hundert-Billionen-Mark-Scheins aus dem Jahr 1923 scheint tief in die deutsche Seele gebrannt zu sein. Oder lässt sich die Furcht der deutschen Bürger vor einer grassierenden Inflation und einer damit einhergehenden Entwertung des Ersparten eher damit erklären, dass die Medien und Wirtschaftsexperten die Gefahr aus der falschen Richtung erwarten? Denn eine starke Inflation ist in der Eurozone selbst mit dem besten Teleskop nicht zu erkennen. Die drohende Deflation – unter der auch Japan seit Jahrzehnten leidet – kann man allerdings sogar ohne Sehhilfe gut erahnen.

Die Verantwortlichen für diese Situation sitzen vor allem in Berlin. Denn die Politik Deutschlands in den vergangenen Jahren hat dazu geführt, dass die Lohnstückkosten im Rest der Eurozone davon geeilt sind. Durch die nur gering gestiegenen Gehälter hierzulande hat sich die deutsche Wirtschaft einen Wettbewerbsvorteil erkauft – zu Lasten der Arbeitnehmer. Denn anstatt höhere Löhne zu zahlen hat sie lieber Gewinne aus ausländischen Schulden generiert und an die Kapitalbesitzer weitergereicht.

Das Ergebnis kann man jetzt in voller Pracht betrachten: Während Südeuropa – und seit kurzem auch Frankreich – als die Auslöser der Krise gelten, präsentiert sich Deutschland als Musterknabe. Nur aufgrund der herrschenden Machtverhältnisse sowohl in Brüssel als auch in den Einzelstaaten lässt sich erklären, wieso unser Land noch nicht hochkant aus der EU befördert wurde. Die aktuelle Entwicklung begünstigt schließlich diejenigen, die ihr Einkommen aus Vermögen und Unternehmensbesitz beziehen.

Wirtschaftlicher Einbruch immer wahrscheinlicher

Doch damit könnte es schnell vorbei sein. Zum einen droht die Wirtschaft in der Eurozone durch den Absturz in die Deflation – verursacht vor allem durch die zu geringe Binnennachfrage aufgrund gesenkter oder stagnierender Arbeitnehmer-Einkommen – einzubrechen. Zum anderen ist die Arbeitslosenquote, besonders im Süden der Eurozone, immer noch sehr hoch. Eine erneute Rezession mit noch weiter steigender Arbeitslosigkeit könnte der Funke sein, der das soziale Pulverfass zum Explodieren bringt.

Den Politikern der Großen Koalition fällt dazu allerdings nichts anderes ein, als die immer gleiche Mär von der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit zu predigen. Und selbst Frankreichs Präsident François Hollande fällt auf dieses Ammenmärchen rein und möchte sein Land auf den vergifteten Agenda-2010-Kurs einschwenken.

Möglichkeiten der EZB nahezu aufgebraucht

Die Schätzung für die Inflationsrate in der Eurozone im August lag bei 0,3 Prozent und damit fast zwei Prozent von der gewünschten Marke entfernt. Die EZB reagierte auf diese Entwicklung mit einer Absenkung des Leitzinses auf 0,05 Prozent – also praktisch 0 Prozent. Damit ist ihr Pulver, um eine Deflation abzuwehren, nahezu verschossen. Ihr bleibt lediglich noch, den Weg der US-amerikanischen Federal Reserve zu gehen und in großem Maß Anleihen aufzukaufen. Doch im Endeffekt wird auch dieser Versuch, den Absturz des Verbraucherpreisindexes zu bremsen, vergeblich sein.

Als einzige wirkungsvolle Lösung bliebe ein auf „politecho“ schon oft angesprochenes kräftiges Lohnplus in Deutschland. Aber wie ebenfalls schon mehrfach erwähnt, müssten dazu alle Politiker mit Regierungsverantwortung und die Grünen eingestehen, dass der eingeschlagene Kurs komplett in die falsche Richtung führte. Und dazu ist die Not, zumindest bei uns, noch nicht groß genug. Könnte aber bald sein, dass diese so groß wird, dass die Folgen unbeherrschbar werden. Die Entwicklung in der Ukraine zeigt, welche nicht für möglich gehaltenen Katastrophen auch uns in Deutschland wieder drohen können.

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