Kein weiterer Meilenstein in Sicht

Vor 30 Jahren kämpften die IG Metall und die IG Druck und Papier für die Einführung der 35-Stunden-Woche. Dieser Kampf war von Erfolg gekrönt. 1995 wurde in diesen beiden Branchen die Arbeitszeitverkürzung beschlossen. Doch seit diesem „Meilenstein der Tarifgeschichte“ ist das Feld der Arbeitszeitverkürzung arg vertrocknet. Lediglich in der Stahlindustrie Ost konnte ebenfalls die 35-Stunden-Woche durchgesetzt werden. Mit dem Misserfolg des zweiwöchigen Streiks der IG-Metall für die gleiche Arbeitszeit in der Metallindustrie wurde die Schwäche der einstmals gefürchteten Gewerkschaft deutlich.

Arbeitete ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer im Jahr 1970 noch 1.938,5 Stunden, sank dieser Wert bis 1990 auf 1.662,2 Stunden. Doch seit der Wiedervereinigung ist in Sachen Arbeitszeitverkürzung Stillstand angesagt. Im vergangenen Jahr arbeiteten Vollzeitbeschäftigte immer noch 1.639,7 Stunden. Also nur geringfügig weniger als vor über 20 Jahren. Ein deutlicher Beleg für die Schwäche der Gewerkschaften, die sowohl bei der Arbeitszeit als auch bei der Beteiligung der Arbeitnehmer an der gestiegenen Wirtschaftsleistung in den Verhandlungen mit den Arbeitgebern wenig für ihre Mitglieder und damit auch für alle Beschäftigten herausholen konnten.

Der Acht-Stunden-Tag war immer das Ziel der Arbeiterbewegung. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, diese zum Wohle der Arbeiter einzuführen. Bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von teilweise bis zu 80 Stunden konnte natürlich die Aussicht auf eine 48-Stunden-Arbeitswoche als paradiesisch angesehen werden. Doch es sollte ein langer Weg bis dahin werden. Das Ende des Ersten Weltkriegs sorgte für den ersten Lichtblick. Im Chaos der Nachkriegszeit und vermutlich auch aus Angst vor einem Erstarken des Kommunismus wurde der 8-Stunden-Tag gesetzlich festgelegt. Doch mit der Stabilisierung der Weimarer Republik und damit auch der Vorkriegsordnung gelang es den Arbeitgebern, die verkürzte Arbeitszeit zu torpedieren. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es den Arbeitnehmern dann endgültig, die tägliche Arbeitszeit auf 8 Stunden festzulegen. Im Wirtschaftsaufschwung sahen die Gewerkschaften schnell ihre Chance gekommen, einen Schritt weiter zu gehen.

Angriffspunkt war dabei der Samstag, der bis in die 1950er als regulärer Arbeitstag galt. Mit der Forderung „Samstags gehört Vati mir“ ging der DGB 1955 in den 1. Mai. Es sollte jedoch noch ein ganzes Jahrzehnt vergehen, bis mit der Druckindustrie ein bedeutender Wirtschaftszweig die 5-Tage-Woche einführte. 1967 folgte die Metallindustrie, 1974 schließlich der Öffentliche Dienst. Bis in die 1980er hatte sich in den meisten Branchen die 5-Tage-Woche als Standard durchgesetzt. Doch mit dem Ringen um die 35-Stunden-Woche sollte der letzte große gewerkschaftliche Erfolg bei der Arbeitszeitverkürzung errungen werden.

Mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit hatten die Arbeitgeber ein vorzügliches Druckmittel, um weitergehende Forderungen der Gewerkschaften, wie etwa eine Ausdehnung der 35-Stunden-Woche auf andere Wirtschaftszweige oder gar ein Absenken der regulären Wochenarbeitszeit auf 32 oder 30 Stunden, abzulehnen. Wobei Experten gerade das Ausbleiben einer weiteren Arbeitszeitverkürzung für das Ansteigen der Arbeitslosigkeit zumindest mitverantwortlich machten und machen. Heute stellt sich die Lage düster dar: Von einer weiteren Arbeitszeitverkürzung bei Vollzeitbeschäftigten sind wir weit entfernt. Vielmehr stehen sogar Forderungen nach einer längeren Wochenarbeitszeit im Raum, die teilweise bereits aufgrund der schlechten Arbeitsmarktlage von Arbeitgeberseite durchgesetzt werden konnten.

Die einzige Arbeitszeitverkürzung, die derzeit stattfindet, spielt sich im Teilzeitbereich ab. Dort sinkt die geleistete Wochenarbeitszeit seit Jahrzehnten ab. Vor allem Frauen müssen sich mit immer kürzeren Arbeitszeiten abfinden. Die Arbeitgeber hingegen profitieren von einer höheren Flexibilität, mit der sie auf Schwankungen im Arbeitsvolumen reagieren können, zu Lasten der teilzeitbeschäftigten Arbeitnehmer. Mit dem Abstieg der Gewerkschaften wurde die wichtigste Bastion der Arbeitnehmer im von den Arbeitgebern entfachten neoliberalen Sturm geschleift. Dass die SPD sich im gleichen Zeitraum der Windrichtung gleich ganz angeglichen hat, ist wohl nur eine logische Folge davon. Der Stillstand bei der Anzahl der Wochenarbeitsstunden bei Vollzeitbeschäftigten ist dabei nur ein Beleg von vielen.

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