Lieber mehr Lehrer statt PISA

Die Medien bejubeln, von einigen Ausnahmen abgesehen, die Ergebnisse der deutschen Schüler in der aktuellen PISA-Studie. Nach dem Schock in der ersten Untersuchung haben die deutschen Schüler inzwischen einen Platz im oberen Mittelfeld erreicht. Doch die PISA-Studie ist nur ein weiterer Ausdruck eines gesellschaftlichen Systems, das sich weltweit immer stärker durchzusetzen vermag: Nur wer etwas leistet, zählt etwas. Die Beschränkung auf die Nutzbarkeit der Bildung im späteren Wirtschaftsleben kastriert die Entwicklungschancen unserer Kinder. 

 

Die Schule legt den Grundstein für das spätere Leben. Wenn der Unterricht dort nur noch darauf ausgerichtet wird, die Schüler auf die Bedürfnisse der Wirtschaft hin zu trimmen, geht ein großes Stück Freiheit für den Einzelnen aber auch die ganze Gesellschaft verloren. Nicht das Beherrschen des Alphabets, von bestimmten Rechenarten oder das Ansammeln von Daten für Tests sollte die Lehrpläne bestimmen, sondern die Überzeugung, dass den Kindern das Wichtigste auf den Lebensweg mitzugeben ist: Dinge zu hinterfragen und eine eigene Meinung zu entwickeln. Natürlich wäre es im Interesse der Politik und Arbeitgeber, zukünftig auf ein lediglich auf seine Verwertbarkeit ausgebildetes Reservoir von Wählern und Arbeitnehmern zurückgreifen zu können. Doch dies kann nicht im Sinne der heutigen Eltern sein. Wie die PISA-Studie trotz aller Unzulänglichkeit der Testbedingungen beweist, können auch andere Länder in ihren Bildungssystemen durch Drill gute Leistungen erzielen.

Deshalb würde es besonders darauf ankommen, mündige Bürger der nächsten Generation an unseren Schulen zu formen. Wobei formen eigentlich in diesem Zusammenhang der falsche Begriff ist. Den Schülern müsste die Möglichkeit gegeben werden, einerseits die wichtigsten Lerninhalte zu verinnerlichen und andererseits ihnen so viel Freiraum zu gewähren, um die Bedeutung von Wissen richtig einschätzen zu können und Eigenständigkeit zu entwickeln. Dabei denke ich nicht an fragwürdige Lehrmethoden wie Montessori oder Waldorf, sondern vielmehr an einen Lehrplan, der an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst ist. Dringend nötig ist zudem aber auch die ausreichende Ausstattung der Schulen mit den notwendigen finanziellen Mitteln und Lehrer nicht nur mit viel Geld – im Vergleich zu anderen Ländern – ruhig zu stellen, sondern die besten Kandidaten für diesen wichtigen Beruf zu gewinnen.

Die finanzielle Ausstattung ließe sich zum Beispiel schon dadurch verbessern, auf unnötige PISA-Studien in Zukunft zu verzichten. Die vergangenen Tests haben die Probleme Deutschlands bereits offengelegt: Schüler mit Migrationshintergrund und aus unteren sozialen Schichten erreichen in Relation gesehen schlechtere Ergebnisse als in anderen Ländern. Hier müsste eine grundlegende Bildungsreform ansetzen. Die soziale Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems wird seit vielen Jahren immer wieder kritisiert und durch die PISA-Studien bestätigt. Darauf folgt jedes Mal das Versprechen der Politiker, diesen Missstand zu beseitigen. Doch geschehen ist bisher – so gut wie – nichts. Es ist durchaus verständlich, dass man vermeiden möchte, die Aufstiegschancen der nachfolgenden Generation wirklich ausschließlich der Leistungsfähigkeit zu überlassen. Wer könnte dann noch garantieren, dass der Sohn des Managers ebenfalls in ein Eckbüro in der obersten Etage einzieht und nicht sein Leben in einem Großraumbüro unten bei den gewöhnlichen Angestellten fristen muss. Sparen wir uns also zumindest die Millionen für die nächsten PISA-Studien und stellen dafür einige neue Lehrer an. Das bringt dem deutschen Bildungssystem auf alle Fälle mehr Nutzen.

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