Lose-lose-Situation

Zyniker würden behaupten, der Waffenstillstand im ukrainischen Bürgerkrieg wirkt. Die Mainstream-Medien berichten nur noch sehr wenig aus dem umkämpften Gebiet, obwohl seit der vereinbarten Waffenruhe laut Vereinter Nationen täglich durchschnittlich 13 Menschen starben. Besonders umkämpft dabei: der Flughafen Donezk. Man kann es kaum glauben, aber dort landeten vor zwei Jahren fußballbegeisterte Fans aus ganz Europa, um bei fünf Spielen der Europameisterschaft mitzufiebern. Im Rückblick auf die Ereignisse während des bosnischen Bürgerkrieges in Sarajevo könnte man frei nach Karl Marx sagen: Geschichte wiederholt sich nicht, außer als Farce.

1992 begann der Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina und damit die Belagerung von Sarajewo. Der Vielvölkerstaat Jugoslawien zerfiel im Eiltempo. Nach Slowenien und Kroatien schickte sich mit Bosnien-Herzegowina die dritte Teilrepublik an, der Kontrolle Belgrads zu entkommen. Acht Jahre nach den Olympischen Winterspielen in Sarajevo regnete es nach Medaillen Granaten. Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Ukraine. Nach der Krim wendeten sich auch die Bezirke Donezk und Luhansk von Kiew ab. Auch wenn der Westen gerne die Mär verbreitet, dass die Krim von Russland erobert wurde, muss man festhalten, dass eine Mehrheit für die Abtrennung von der Ukraine gestimmt hat. Was im Kosovo recht und billig war, soll nun nur gut 1.000 Kilometer entfernt ein Bruch des Völkerrechts sein. Es ist auch durchaus möglich, dass die Bevölkerung im brüchigen Gebilde Neurussland Unabhängigkeit von der Ukraine möchte, und nicht alle Bewohner Terroristen sind. Wo vor nicht einmal zwei Jahren Europas Fußballstars um die Krone rangen, sterben jetzt täglich Menschen durch den Bürgerkrieg.

Von westlichen Medien wird zudem gebetsmühlenartig wiederholt, dass die EU und die USA die Ukraine nicht „in ihre Arme gelockt hätten“, sondern dies eine freie Entscheidung des ukrainischen Volkes gewesen sei. Auch hier wird die Wahrheit mit Füßen getreten. Wiktor Janukowitsch war der rechtmäßig gewählte Präsident der Ukraine. Der Vorwurf, dass er ein lediglich auf seinen eigenen Vorteil bedachter Oligarch war, läuft ins Leere, wenn man betrachtet, mit welchen Despotien etwa im Nahen Osten der Westen lukrative Geschäfte tätigt. Hier heiligt der Zweck dann doch immer wieder mal die Mittel. Außerdem ist bekannt, dass die USA bereits bei der Orangen Revolution im Jahr 2004 großen Einfluss nahmen. Noch einmal verstärkt dann bei den Protesten auf dem Maidan in diesem Winter. Es ist immer noch nicht geklärt, wer für die dortigen Toten verantwortlich ist. Ebenfalls unklar ist weiterhin, was genau im Gewerkschaftshaus in Odessa geschah. Und Beweise für die behauptete Verantwortung Russlands am Abschuss von MH-17 wurden nach wie vor nicht vorgelegt.

Viele Beschuldigungen werden in Richtung Putin und Russland vorgebracht, die aber meist nicht durch vertrauenswürdige Beweise belegt werden. Wie meinte Jochen Bittner, Politik-Redakteuer der Zeit und bekennender Atlantiker, in seinem gestrigen Beitrag: Putin hat verloren. Das stimmt aber nur zum Teil. (Fast) alle haben verloren. Russland befindet sich in einem Konflikt, den man nur am Laufen halten aber nicht gewinnen kann. Die Ukraine steht vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und einem möglichen Absturz in den Faschismus. Im Osten des Landes herrscht Anomie und wer noch nicht geflohen ist, lebt in stetiger Angst. Die EU hat einen Wirtschaftskrieg mit Russland begonnen und halst sich gerade die ökonomischen Probleme der Ukraine auf – gerade selbst kurz vor der Deflation stehend, könnte dies der letzte Sargnagel für die Europäische Union sein. Die Vereinigten Staaten mögen zunächst noch wie der Sieger in diesem „Great game“ aussehen. Doch auf lange Sicht schädigen sie sich selbst, wenn Europa und Russland auf wirtschaftliche Talfahrt geht. Die Weltwirtschaft ist so stark miteinander verwoben, dass kleine Erschütterungen zu großen Beben im ganzen System führen. Ein Land, in dem es beinahe so viele Schusswaffen wie Einwohner gibt, wünscht man keine längere wirtschaftliche Flaute. Diese droht jedoch, wenn sich die angestauten Probleme wie Finanzblasen, ökonomische Schwäche und militärische Konflikte mit einem großen Knall entladen. Aber eine Gruppe gibt es dennoch, die sich die Hände reibt: Waffenhersteller dürften wohl gerade gigantische Dollarzeichen in ihren Augen haben.

Kommentar hinterlassen zu "Lose-lose-Situation"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*