Nachwachsendes Prekariat

In einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung stellte sich heraus, dass das Essen in vielen Kitas nicht den Vorgaben gesunder Ernährung entspricht. So würde zu viel Fleisch gegessen, im Gegenzug jedoch zu wenig Obst, Gemüse und Fisch. Durchschnittlich koste ein Mittagessen in den Kindertagesstätten 2,40 Euro. Eine gesunde und ausgewogene Mittagsverpflegung würde jedoch nach Berechnungen der Studie 4 Euro kosten.

Werfen wir doch an dieser Stelle einmal einen Blick auf die Regelungen zur Grundsicherung für Arbeitsuchende, umgangssprachlich als Hartz IV bekannt. Der Regelbedarf für Kinder unter 6 Jahren sieht monatlich eine Summe von 85,10 Euro für Nahrungsmittel und Getränke vor. Für einen Tag stehen somit 2,80 Euro zur Verfügung. Also etwas mehr, als ein durchschnittliches Essen in einer Kita derzeit kostet. Sicher kann man diese Werte nur bedingt miteinander vergleichen, da bei der Zubereitung in einer Kita oder in einer externen Großküche auch Arbeitskosten anfallen. Aber dennoch kann man festhalten: Ein gesundes Mittagessen in einer Kita, nur ein Mittagessen, sollte nach Ansicht von Experten 4 Euro kosten. Eltern, die auf Hartz IV angewiesen sind, stehen jedoch nur 2,80 Euro pro Tag für alle Essen und Getränke ihres Kindes zur Verfügung. 2,80 Euro für Frühstück, Mittag- und Abendessen zusammen. Wie unter diesen Voraussetzungen eine gesunde Ernährung bewerkstelligt werden soll, wird wohl für immer das Geheimnis der Architekten der Verarmungsgesetze im SGB II bleiben.

Nur noch als zynisch zu bezeichnen ist es, dass das Lamento über unzureichende Ernährung in deutschen Kitas ausgerechnet von der Bertelsmann-Stiftung intoniert wird. Dem Think-Tank, auf dessen Überlegungen die Hartz-Gesetze zu großen Teilen fußen. Mehr als jedes siebte Kind in Deutschland wächst unter den menschenverachtenden Bedingungen von Hartz IV auf. Für diese 15 Prozent sehen die Zukunftsaussichten alles andere als rosig aus. Mangelnde Ernährung wegen des zu niedrigen Regelsatzes. Ausgrenzung in der Schule durch das Stigma Hartz IV. Mehr Erkrankungen als der Durchschnitt aller Kinder, sowohl psychischer als auch physischer Natur.

Unter diesen Voraussetzungen ist der Weg in die zukünftige Arbeitslosigkeit oder den Niedriglohnsektor, auf dessen Größe der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder so stolz ist, programmiert. Zudem gehen Angehörige dieses neuen Prekariats auch seltener zu Wahlen. Ob gewünschtes Ziel der Hartz-Gesetze oder gerne mitgenommene Nebenwirkung? Eigentlich schon nicht mehr wichtig. Das Ergebnis bleibt in beiden Fällen gleich. Immer mehr Kinder wachsen in einer Parallelwelt auf und werden als Erwachsene vielfach ebenfalls niemals „dazugehören“. Die Sozialgesetzgebung seit der Agenda 2010 hat zumindest billigend in Kauf genommen, ein Siebtel der Bevölkerung auszugrenzen. Das Schlimmste daran ist, dass darunter auch viele Kinder leiden, die nichts falsch gemacht haben, außer von den „falschen“ Eltern gezeugt worden zu sein.

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