Nicht so wichtig?

Die ARD führt ein nach eigenen Angaben welt-exklusives Interview mit einem der bekanntesten und vielleicht wichtigsten Männer der Welt. Wann glauben Sie, wird dieses Interview gesendet? Zur Hauptsendezeit in einem „Brennpunkt“ nach der „Tagesschau“? Natürlich nicht. Die ARD sendet dieses TV-Gespräch am Sonntag um 23 Uhr, wenn es für die meisten fleißigen Bürger Zeit fürs Bett wird. Zwar werden die besten Zitate in der vorhergehenden Sendung „Günther Jauch“ kurz eingespielt, dienen jedoch nur als Vorlagen für den üblichen sinn- und nutzlosen Palaver zwischen den üblichen Verdächtigen. Der öffentlich-rechtliche Sender verschenkte damit eine große Chance.

Als Grund für die ARD, das Snowden-Interview auf diese Weise zu senden, dürfte sicher das geringe Interesse vieler Bürger an der Thematik im Mittelpunkt gestanden haben. Doch ist es hier nicht wie bei der Frage nach der Henne und dem Ei? Was war zuerst da, das mangelnde Interesse der Bürger an der Überwachungspolitik oder der mangelnde Wille der Presse, auf diese deutlicher hinzuweisen. Man kann vielen Medien – zumindest zu Beginn der NSA-Affäre – nicht vorwerfen, das Thema nicht ausreichend und breit behandelt zu haben. Zwar konnten sich die üblichen Verdächtigen nicht zurückhalten, Snowden als Verräter und die Überwachungspraxis als notwendig hinzustellen. Dennoch muss man konstatieren, dass viele Medien in größerem Rahmen berichteten, als es dem Interesse der Bürger angemessen gewesen wäre.

Doch in diesem Fall muss man die ARD dafür kritisieren, wie sie mit dem Interview verfahren ist. Die Erstnutzung bei „Günther Jauch“ hat diesem viel Biss genommen, weil die endlosen und am Ende nahezu immer nutzlosen Tiraden der Gäste die Zuschauer von den eigentlichen Problemen ablenkten, die mit durch die Enthüllungen offensichtlich wurden und werden: Die Überwachung durch staatliche Stellen hat ein Maß angenommen, das stark an Orwells 1984 erinnert. Ebenfalls kritikwürdig ist die Tatsache, dass das Interview nur auf deutsch verfügbar ist – wieso nicht auch im Original? Hier soll keine falsche Übersetzung unterstellt werden, aber viele Bürger sind der englischen Sprache so weit mächtig, diesem auch in der Originalsprache folgen zu können. Und zudem dabei auch die Intonation und die entsprechende Mimik Snowdens zu sehen.


„Snowden exklusiv“: der Wortlaut des Interviews von NDR Autor Hubert Seipel

Update 27. Januar 2014:

Die Originalversion findet sich doch – in den Tiefen der NDR-Mediathek.

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