Privat ist die Hoffnung

Frank Walter hatte vorgestern seinen 75. Geburtstag gefeiert. Doch jetzt saß er in einem Wartezimmer im 14. Stock des Philipp-Rösler-Krankenhauses. Seine Med-Toilette hatte heute Morgen ungewöhnliche Werte in seinem Urin gemessen und ihn daraufhin in das Krankenhaus zur näheren Untersuchung geschickt. Seitdem hatte sich ein mulmiges Gefühl in ihm immer weiter aufgebaut. In dem Wartezimmer saß er nun seit 10 Minuten zusammen mit 18 anderen Patienten in diesem kleinen Raum auf einem der zerschlissenen Stühle, und hatte sich auf einige Stunden Wartezeit eingestellt.

„Herr Walter, bitte in Zimmer 1409. Herr Walter, bitte in Zimmer 1409“, tönte es aus einem Lautsprecher und stand auf den Bildschirmwänden. Darunter standen Uhrzeit und Datum: 9:41 Uhr, 15. November 2031. Überrascht über die kurze Wartezeit stand er auf und ging zu besagtem Zimmer. Dort saßen drei hübsche Medizinische Fachangestellte, von denen eine auf ihn zuging und ihm die Hand schüttelte. „Herr Walter?“ „Ja, der bin ich“, sagte er leise, kaum vernehmbar – noch verwirrter als zuvor. „Bitte folgen Sie mir.“ Sie klopfte an eine Tür und trat dann ein, Walter folgte ihr.

In dem riesigen Raum saß hinter einem noch größeren Schreibtisch ein älterer Herr in legerem Weiß. „Chefarzt Prof. Heindl“, stellte sich dieser vor und gab ihm die Hand. „Wir werden einige Untersuchungen vornehmen und dann sehen wir weiter. Chantalle – der Arzt zeigte auf die Medizinische Fachangestellte – wird sie begleiten. Nachdem Walter einige Minuten in einer Röhre verbracht hatte und einige Fragen beantwortet hatte, ging es zurück ins Behandlungszimmer. Chantalle verabschiedete sich und verließ den Raum.

Prof. Heindl sah kurz auf sein Tablett und wischte ein paar Mal über den Bildschirm. Dann wandte er sich an Walter. „Seien Sie unbesorgt, das wird schon wieder. Was ich Ihnen sagen muss, hört sich schlimmer an, als es wirklich ist.“ Hoffnung keimte in Walters Kopf. Der Professor fuhr fort: „Wir haben in ihrer …“. Es klopfte an der Tür, eine andere Medizinische Fachangestellte trat in den Raum und stellte sich neben den Chefarzt. Sie beugte sich vor und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dennoch konnte er einiges von dem verstehen, was die Medizinische Fachangestellte sagte: „… nicht privat versichert …, … ein Fehler …“. Sein Hörgerät aus den Zwanzigern funktionierte wirklich noch hervorragend. Die Dame am Empfang musste wohl einen Fehler bei seiner Aufnahme gemacht haben und ihn versehentlich als Privatpatient eingetragen haben. „Kein Wunder, wenn der private Betreiber des Krankenhauses nur den Mindestlohn von 8,50 Nord-Euro bezahlt“, dachte sich Walter.

Er saß jetzt wieder im Wartezimmer. Inzwischen hatten sich dort 25 weitere Patienten eingefunden. Drei Stunden später wurde Walter in Zimmer 1401 gerufen. Dort empfingen ihn nicht drei hübsche Medizinische Fachangestellte, sondern ein mürrischer Arzt. „Herr Walter, ich muss ihnen eine schlechte Nachricht überbringen. Sie haben Prostatakrebs. Und wie sie ja vermutlich wissen, werden Krebsbehandlungen seit der Großen Gesundheitsreform 2030 von der gesetzlichen Krankenversicherung nur noch für Patienten übernommen, die noch nicht älter als 74 Jahre sind.“ Die letzten Worte hörte er gar nicht mehr, denn er wusste genau, was das für ihn bedeutete.

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