Syrienkonflikt mutiert zum „Weltkrieg“

Die Aussage des russischen Ministerpräsidenten Dmitrij Medwedew, die Welt befinde sich wieder in einem kalten Krieg, die Ankündigung Saudi-Arabiens, mit Bodentruppen in den syrischen „Bürgerkrieg“ einzugreifen, die Angriffe der Türkei auf Kurden in Syrien und die finale Schlacht um Aleppo zeigen deutlich, dass der Syrienkonflikt in seine entscheidende Phase tritt.

Durch das erfolgreiche Eingreifen der russsischen Streitkräfte auf Assads Seite haben sich die Machtverhältnisse in Syrien deutlich verschoben. War die syrische Armee im Sommer des vergangenen Jahres in Bedrängnis geraten und stand kurz vor einer Niederlage, hat sich das militärische Blatt gewendet. Unterstützt von russischen Luftangriffen und vermutlich auch von russischen Bodentruppen ist die reguläre Armee wieder in die Offensive gegangen. So wird heftig um Aleppo gekämpft, und auch auf die inoffizielle syrische Hauptstadt des Islamischen Staates, Rakka, marschiert das syrische Miltär vor.

In diesem Zusammenhang steht auch die Ankündigung Saudi-Arabiens, mit Bodentruppen gegen den IS vorgehen zu wollen. Es fällt allerdings schwer, der offiziellen Begründung aus Riad zu folgen, dass der Terrorismus bekämpft werden soll. Viel mehr dürften die wahren Beweggründe für die wahhabitische Monarchie darin liegen, dass die unterstützten Truppen vor einer absehbaren Niederlage stehen. Der versuchte Sturz der Assad-Regierung wäre dann kläglich gescheitert – und gleichzeitig wären Hunderttausende Menschen diesem Versuch zum Opfer gefallen.

Aber Saudi-Arabien gibt sich wohl noch nicht geschlagen. Zur Not greift man mit eigenen Bodentruppen in den Syrien-Krieg ein. Mit der Einnahme, oder wohl eher Übernahme Rakkas vom Islamischen Staat, hätte man einen Faustpfand, um Assad doch noch von der Macht zu verdrängen. Auch die Interessen der Türkei treten immer deutlicher hervor. Erdogan möchte einen Sturz Assads und dabei gleichzeitig die Kurden sowohl in der Türkei als auch in Syrien schwächen.

Das westliche Regulativ im Hinblick auf die Ziele der Türkei und Saudi-Arabiens entfällt in diesem Konflikt nahezu komplett. Denn die USA waren es gerade, die sich den Sturz Assads auf die Fahnen geschrieben hatten. Die EU steht ebenfalls zum größten Teil auf der Seite der USA und verfolgt auch eigene Interessen. So wird Erdogan hofiert, um die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, zu verringern. Da wird dann auch schon mal ein Auge zugedrückt, wenn kurdische Zivilisten im „Antiterrorkampf“ verbrannt werden.

Der Westen muss sich kurzfristig entscheiden, ob er bereit ist, den Krieg in Syrien komplett entgleisen zu lassen. Darauf zu vertrauen, dass Putin sich bei noch höherem Einsatz aus der Partie zurückziehen wird, dürfte ein gefährlicher Trugschluss sein. Syrien dürfte für den russischen Präsidenten die rote Linie sein. Es lässt sich nur erahnen, welchen Preis Putin bereit ist zu zahlen. Aber es ist gut möglich, dass er die Befürchtung hegt, dass ein Fall Syriens nur der Auftakt zum Fall Russlands wäre.

Aber selbst wenn sich der Westen unter Führung der USA noch einmal besinnen sollte, und eine weitere Eskalation in Syrien nicht mitträgt, stellt sich immer noch die Frage, ob der Einfluss auf die Türkei und Saudi-Arabien groß genug ist, um einen offenen Krieg zwischen diesen beiden Ländern auf der einen Seite und Syrien und Russland auf der anderen zu verhindern. Der Iran sähe sich wohl gezwungen, ebenfalls einzugreifen. Der folgende vierte Golfkrieg könnte zu einem Blutvergießen führen, das zuletzt im Zweiten Weltkrieg zu beklagen war.

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