Vor, zurück, vor, zurück

Gestern wurden die Uhren wieder um eine Stunde nach vorne gestellt – die Sommerzeit läuft. Während sich viele über die längere Sonnenscheindauer am Abend erfreuen, warnen immer mehr Wissenschaftler vor den negativen Auswirkungen der Zeitumstellung: Die gestörte innere Uhr führt zu gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen. Einen Nutzen bringt die Zeitumstellung laut Berechnungen schon lange nicht mehr. Doch allen Sommerzeit-Liebhabern steht eine alte Bekannte schützend zur Seite.

Eingeführt wurde die Sommerzeit in Deutschland zum ersten Mal im Ersten Weltkrieg. Nach einem kurzen Intermezzo im Zweiten Weltkrieg schaffte es erst die Ölkrise in den 1970ern wieder, diese als notwendig erscheinen zu lassen. Aufgrund energiepolitischer Überlegungen und der bereits bestehenden Sommerzeit in westlichen Nachbarländern wurde sie 1980 auch in Deutschland wieder eingeführt. Mit dem längeren Tageslicht sollte erreicht werden, dass der Strombedarf für die Beleuchtung sinkt. Doch dieser Effekt wurde bereits in der Vergangenheit vom gestiegenen Energiebedarf für die frühere Beheizung mehr als aufgehoben und wird sich in Zukunft durch Einführung energiesparender Beleuchtung noch weiter verstärken. Das Bundesumweltamt stellte bereits 1995 fest, dass die Begründung für die Sommerzeit in der Realität nicht erfüllt wird – die Sommerzeit vielmehr negative Auswirkungen hat.

Weshalb müssen wir in Deutschland dennoch, 19 Jahre nachdem diese Erkenntnis gewonnen wurde, immer noch die Uhren zweimal jährlich umstellen? Die Antwort hat zwei Buchstaben: EU. Es sei „für das Funktionieren des EU-Binnenmarktes von wesentlicher Bedeutung, dass Tag und Uhrzeit des Beginns und des Endes der Sommerzeit in der gesamten EU einheitlich festgelegt sind.“ Soll heißen, erst wenn sich in allen 28 Mitgliedsländern die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass die Sommerzeit kontraproduktiv ist, wird diese abgeschafft. Es kann also noch ein bisschen dauern, bis es soweit ist. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die Einführung innerhalb von vier Jahren über die Bühne ging.

Wie so oft liefert also Brüssel die Begründung dafür, einen negativen Zustand angeblich nicht ändern zu können. Was hier funktioniert, klappt dann natürlich auch vorzüglich bei anderen Themen wie Internetsperren und Vorratsdatenspeicherung. Es stellt sich die Frage, was würden die Vertreter unserer regierenden Parteien nur machen, wenn sich die AfD und ihre europäischen Kollegen durchsetzen und die EU zu Fall bringen würden. Dann müssten sie am Ende noch selbst die Verantwortung für ihr ständiges Versagen tragen und könnten nicht fortwährend die Schuldigen auf europäischer Ebene suchen.

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