Wenn Wirtschaftswissenschaftler rechnen

In Neues Deutschland (nur mit Abo – Text ist auch bei AG Friedensforschung veröffentlicht) erschien am 22. Januar ein Beitrag von Hermannus Pfeiffer, Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe, mit dem Titel „Weltwirtschaft tanzt auf Vulkan“. Darin behauptet der Autor, dass die wirtschaftliche Aufholjagd der Schwellenländer ihr Ende erreicht hat. Unter anderem möchte er dies mit folgender Aussage belegen:

„Angenommen, die deutsche Wirtschaftsleistung würde auf Dauer überhaupt nicht mehr wachsen und Chinas Wirtschaft jährlich um zehn Prozent zulegen, würde es sechs Jahrzehnte dauern, bis der heutige Lebensstandard eines durchschnittlichen Bundesbürgers erreicht wäre.“

So, dann nehmen wir doch mal unseren Taschenrechner zur Hand (natürlich nutzen wir dazu den im Betriebssystem unseres Computers integrierten Taschenrechner, wir sind ja keine Wirtschaftswissenschaftler) und rechnen nach: Zehn Prozent jährliches Wachstum, sechzig Jahre lang: 304,48. Die chinesische Wirtschaftleistung würde also unter diesen – zugegeben unrealistischen Annahmen – auf das knapp 305-fache wachsen.

Da das chinesische BIP im vergangenen Jahr pro Kopf 6.569 US-Dollar betrug, würde dies für das Jahr 2073 ein BIP pro Kopf von etwa 2.000.000 (in Worten zwei Millionen) Euro bedeuten. Komisch, erscheint mir ein bisschen hoch für den derzeitigen Lebensstandard eines durchschnittlichen Bundesbürgers, der angeblich bei einem jährlichen Wachstum des chinesischen BIPs um 10 Prozent in 60 Jahren erreicht sein soll.

Des Rätsels Lösung liegt im exponentiellen Wachstum begründet. Denn das Plus an Wirtschaftsleistung ist ja nicht in jedem Jahr gleich hoch, sondern steigt immer weiter an, da sich die Basis erhöht. Also erstes Jahr 6.569 US-Dollar x 1,1 = 7.225,9 Dollar. Zweites Jahr 7.225,9 Dollar (und nicht 6.569 US-Dollar) x 1,1 = 7.948,49 US-Dollar. Der Anstieg beträgt im ersten Jahr 656,9 US-Dollar, im zweiten Jahr bereits 722,59 US-Dollar, da auch die Steigerung der Wirtschaftsleistung aus dem ersten Jahr zur Basis des zweiten Jahres zählt. Setzen wir diese Reihe also fort, erkennen wir, dass die Aufholjagd, bis China den BIP/Kopf-Wert Deutschlands in Höhe von 43.952 US-Dollar erreicht hat, nicht sechs Jahrzehnte dauern würde, sondern nur zwei Jahrzehnte. 19,94 Jahre, um genau zu sein.* Ein durchaus überschaubarer zeitlicher Rahmen. Vermutlich hat Pfeiffer bei der falschen Berechnung ein lineares Wachstum angesetzt.

Natürlich kann, wie es auch der Autor ausführt, China diesen schnellen Anstieg der Wirtschaftsleistung nicht durchhalten. Je höher entwickelt eine Volkswirtschaft ist, desto langsamer wächst diese im Regelfall. Doch die Aussage, dass ein Aufholen der Schwellenländer unwahrscheinlich ist, kann unter diesen falschen Annahmen nicht aufrecht erhalten werden. Es mag sich um einen Flüchtigkeitsfehler handeln, doch in einer zentralen Aussage ein Ergebnis zu verwenden, das weit von der Wahrheit entfernt ist, zeugt nicht von wissenschaftlicher Akkuranz.


[<*] Berechnung: BIP/Kopf Deutschland 43.952 US-Dollar; BIP/Kopf China 6.569; Faktor BIP D/BIP CHN:6,69; jährliches Wachstum:1,1;

ln 6,69/ln 1,1=19,94.

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