Wirtschaftskrieg voll entbrannt

Entwicklung RTS-Index. Quelle: finanzen.net - Bearbeitung: politecho

Entwicklung RTS-Index. Quelle: finanzen.net – Bearbeitung: politecho

„Rubel stürzt ins Bodenlose“, „Russische Börse auf Talfahrt“, „Russland vor der Staatspleite?“. So und ähnlich die gestrigen Schlagzeilen zur wirtschaftlichen Krise in Russland. Während die Mainstream-Presse ihre unverhohlene Freude darüber nur schwer verdecken kann, sollte man doch einmal einen objektiven Blick auf die Vorgänge in Russland werfen.

Sicher sind der Absturz des Rubel-Kurses und die damit zusammenhängenden sinkenden Kurse an der Moskauer Börse eine einschneidende Entwicklung für die russische Wirtschaft. Doch man muss nicht weit in der Historie zurückgehen, um zu erkennen, dass sich diese immer schon sehr schwankend zeigte. So betrug der Absturz des Aktienindex RTS Ende des Jahres 2008 sogar 80 Prozent, und nicht nur etwa 50 Prozent wie derzeit.

Und auch der Blick auf die Entwicklung in anderen Ländern, deren Wirtschaft stark vom Ölpreis abhängig ist, zeigt im vergangenen Monat ein ähnliches Bild, wie die obere Grafik zeigt: Der Index DFM (Vereinigte Arabische Emirate) ging nahezu im Gleichschritt mit dem russischen RTS in die Knie. Der niedrige Ölpreis wirkt sich also nicht nur negativ auf die russische Wirtschaft aus, sondern auch auf andere „Erdöl-Staaten“. Über diese Entwicklung findet sich jedoch an prominenter Stelle keine Meldung in den deutschen Medien.

Für den russischen Staat selbst ist ein Ölpreis unter 60 Euro übrigens zumindest kurzfristig kein unlösbares Problem. Die Staatsverschuldung ist gering, die Devisenreserven hoch – trotz der Verkäufe in letzter Zeit. Das wirkliche Problem liegt im Anstieg der Inflation. Durch den Wertverfall des Rubels werden Importgüter, auf die Russland stark angewiesen ist, teurer. Dies treibt die Preissteigerung. Deshalb intervenierte auch die russische Zentralbank – sie erhöhte den Leitzins um 6,5 Prozentpunkte auf 17 Prozent. Im Vergleich zur Eurozone mit knapp über 0 Prozent ein geradezu astronomischer Wert. Doch dieser Schritt konnte den Abwärtstrend des Rubels auch gestern nicht stoppen. Ob er auf längere Sicht von Erfolg gekrönt sein wird, lässt sich nur schwer einschätzen. Der Aktienindex RTS zumindest hat nach einem kräftigen Anstieg bereits wieder den Weg nach unten angetreten und liegt nur noch knapp 4 Prozent über dem gestrigen Schlusskurs (Stand: 17.12.2014 10.31 Uhr).

Über die Gründe, weshalb Saudi-Arabien den Ölhahn offen lässt und damit den Ölpreis immer weiter nach unten drückt, kann ebenfalls nur spekuliert werden. Ob es ein Alleingang der Monarchie ist oder der große Bruder USA diesen Schritt zur Schwächung Russlands sowie des Irans und Venezuelas angeordnet hat, lässt sich nicht sagen. Unter den Experten gibt es für beide Ansichten stichhaltige Argumente – jedoch keine Beweise.

Aber nicht nur der niedrige Ölpreis schwächt die Wirtschaft in Russland. Auch die Sanktionen zeigen langsam Wirkung. Außerdem dürfen die Kosten für die Eingliederung der Krim und die Unterstützung Neurusslands nicht unterschätzt werden. Seit die ukrainische Regierung die Bevölkerung dort von staatlichen Leistungen abgeschnitten hat, ist diese vor allem auf die Unterstützung aus dem östlichen Nachbarland angewiesen.

Bemerkenswert an der nicht verhehlten Freude in den deutschen Medien über den Absturz der russischen Ökonomie ist die Kurzsichtigkeit im Hinblick auf die Folgen für die Wirtschaft in Europa. Während die USA einen Crash in Russland kaum spüren würden, trifft dies auf Deutschland und viele seiner europäischen Nachbarn nicht zu. Zwar wird immer wieder betont, dass die Ausfuhren Deutschlands nach Russland lediglich 3 Prozent der gesamten Exporte betragen. Doch auch wenn dieser Anteil sehr gering ist, sieht es bei den nominalen Werten schon anders aus. Im vergangenen Jahr hatten die Exporte nach Russland einen Wert von 36 Milliarden Euro. Dies entspricht etwa 1,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Ein keineswegs zu vernachlässigender Wert, wenn dieser stark zurückgehen sollte.

Andere Mitglieder der Europäischen Union würde ein Zusammenbruch der russischen Wirtschaft aber noch stärker treffen. Besonders Österreich ist stark in Russland engagiert. Für die kriselnde Wirtschaft dort könnte ein Ausfall von Investitionen einen herben Rückschlag darstellen. Nachdem die Europäische Union allgemein ökonomisch schwach auf der Brust ist, könnte ein kleiner Dämpfer starke Auswirkungen zeigen – und sei es nur in psychologischer Hinsicht. Diese trägt ja bekanntlich stark zur Entwicklung der Wirtschaft bei. Dennoch dürfte auch diese Entwicklung wenig daran ändern, dass Europa sich trotz negativer Auswirkungen weiterhin den Interessen der USA unterwirft. Aus welchen Gründen auch immer.

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